Fotokubistisches Manifest:

Was ist ein Ding? Ich behaupte, es ist in erster Linie eine Vorstellung, ein Bild in unserem Kopf. Können Sie diese Vorstellung von etwas beiseite schieben und dieses ´etwas´ unmittelbar wahrnehmen?

Was bleibt dann von diesem Ding übrig, was nehmen Sie wahr, ohne sofort zu sagen: „Aha, dies ist eine Blume, das dort ist ein Baum“?

Da wird es schon schwieriger, zumindest komplexer, etwas zu beschreiben, ohne es sofort zu benennen. Aber auch spannender. Ist es nicht so, dass unsere ´mindmachine´ pausenlos die Dinge benennt, klassifiziert und mit unseren inneren Bildern abgleicht? Und eben diese ´automatische Maschine´ uns daran hindert, unmittelbar und spontan wahrzunehmen? Dies ist jedenfalls meine Beobachtung. Ich glaube, es ist das Bedürfnis des Verstandes nach scheinbarer Sicherheit, die Dinge bereits zu kennen und zu wissen, wie sie sind, anstatt die Welt jeden Augenblick neu zu erleben, sich berühren zu lassen und in Beziehung zu treten zu unserer Umgebung, wach und neu, wie ein neugieriges kleines Kind. Und zu eben solch einer Reise des Sich-Verzaubern-Lassens möchte ich Sie einladen, einladen in meine ´fotokubistischen Welten´!

Meine erste ernst zunehmende fotografische Reise begann im Herbst 1992. Ich hatte schon viele Jahre vorwiegend Malerei, Wandobjekte und Skulpturen geschaffen, mich in den Jahren 1986 und 1987 in der Türkei vom Gegenständlichen in die Abstraktion begeben und war viel mehr an der Sichtbarmachung unsichtbarer Welten und energetischer Prozesse interessiert, als an bekannten Formen, Dingen und Oberflächen.

Inzwischen in Köln gelandet, beschloss ich, banale Alltagsgegenstände, wie einen Farbeimer, mein Fahrrad oder einen alter Lindenbaum, der über mein Atelier ragte, 20fach aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln zu fotografieren. Es war nicht mein Ziel dabei, Kunst zu schaffen, sondern es war reiner Forscherdrang und die Neugier, wieweit sich meine vagen Vorstellungen mit den Ergebnissen deckten. Der erste Film war umwerfend.

Das erste Mal in meinem Leben sah ich auf den vielfach belichteten Fotografien die Dinge so, wie ich sie spürte und empfand: lebendig, bewegt, im Prozess befindlich. Ich sah, wie die alte Linde tanzte und sich im Winde wiegte, anstatt eingefroren und tot zu erscheinen, wie ich es in der klassischen Fotografie oft als sehr unnatürlich empfand. Unwillkürlich musste ich an die Chinesen denken, die nicht, gemäß unserer starren Denkstruktur, ´Baum´ sagen, sondern ´es bäumt ´ und damit den Prozess und die Dynamik beschreiben und kein festes Objekt.

Anfang 1993 packte ich ein Dutzend Diafilme ein und begab mich auf meine erste Indienreise. In Rajastan angekommen, hatte ich plötzlich nicht die geringste Lust, auf klassische dokumentarische Weise zu fotografieren.

Stattdessen legte ich in einer Zweifachbelichtung Himmel auf Wüstenstruktur, ließ bei einem Begräbniszug in Agra die Kamera tanzen oder sammelte alles Rote, Gelbe oder Blaue auf jeweils ein und dasselbe Dia. Kurz: nichts war mehr sicher vor meiner Kamera, die Möglichkeiten, die entstanden, schienen unbegrenzt.

Schon als Kind ahnte ich, dass es hinter der sichtbaren, dinglichen Welt, an der sich die Menschen orientierten und festhielten, eine sehr viel elementarere und wesentlichere gab. Und in diesem neuen künstlerischen Prozess fühlte ich mich, obgleich alles so neu und ohne kunstgeschichtlichen Bezug war, zuhause. Parallel zu jahrelangen geistigen Übungen und kulturübergreifenden philosophischen Studien entwickelte ich diverse fotografische Techniken, denen eines zugrunde lag: mein Augenmerk richtete sich mehr und mehr auf ein inneres, geistiges Zentrum, auf einen unsichtbaren Punkt, um den sich die ganze polare Schöpfung zu drehen schien.

Neben zahlreichen sogenannten ´Mandala-Fotografien´, die gemäß der buddhistischen Tradition auf einen immateriellen Kern und zeitlosen Ursprung verweisen, ersann ich 1994 ein weiteres Prinzip mit dem abstraktesten Ergebnis meiner Fotografie: ich experimentierte mit den ´Strudelfotos´, so mein Arbeitstitel. Aus einer gedachten Kugel heraus fotografierte ich einen nahezu beliebigen Punkt einer homogenen Struktur so oft - ich spreche von 20 und mehr Belichtungen auf ein einzelnes Dia -, dass sich das ursprüngliche Motiv gänzlich auflöste und abstrakte Strudelstrukturen mit einer immensen Sogwirkung entstanden.

Mein Ziel dabei war es, einen gedankenfreien Zustand beim Betrachter zu erzeugen, um die Trennung von Innen- und Außenwelt und die Distanz von Werk und dem Schauenden zu überwinden bzw. aufzulösen.
Es gab nichts, was ich nicht fragmentierte und durch Mehrfachbelichtungen neu komponierte.
Aus einem unscheinbaren Fischernetzknäuel am Strand von Rügen schuf ich einen strahlenden, magischen Tunnel, blühende Wildwiesen verwandelten sich in impressionistische Malerei und Gebäude in Kaleidoskope und Skulpturen.
Das Ausstellungspublikum war überwiegend irritiert und fasziniert zugleich.
Es konnte sich an keiner gewohnten und oft schematisierten Sichtweise mehr orientieren und fühlte sich doch zumeist magisch angezogen.

Nach einigen Diapräsentationen schlug mir 2007 eine befreundete Galeristin aus Monaco vor, ich sollte mich doch etwas auf eben diese Stadt einlassen, um die Ergebnisse dann in ihrer Galerie zu zeigen. Das musste sie mir natürlich nicht zweimal sagen, und so zog ich los, untersuchte unterschiedlichste Punkte und Energiefelder, Orte mit ihren Raumbezügen und begann zu ´pflügen´ und zu komponieren in dieser so spannenden Stadt. Wenn ich mit meiner alten, analogen Kamera so umherschweifte, verweilte, Verbindungen und Möglichkeiten entdeckte, erspürte oder herstellte, dann kam ich mir eher wie ein Wünschelrutengänger oder Minensucher vor, denn wie ein Fotograf.
Bei meiner zweiten Durchsicht der Monaco-Dias kam mir spontan die Parallele zum Kubismus in den Sinn.

Wenn ich langsam auf das Casino von Monte Carlo zugehe und in sieben unterschiedlichen Positionen das Bauwerk durch die Vielschichtigkeit transparent und mehrdimensional darstelle, sind meine Intention und Ergebnisse nicht so weit entfernt von dem, was Braque und Picasso vor hundert Jahren entwickelten, um von der trennenden Oberfläche und eindimensionalen Sichtweise durch die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Blickwinkel in die Komplexität und innere Beschaffenheit der ´Dinge´ vorzudringen.
Und so ist im Winter 2007 der Begriff „Fotokubismus“ entstanden und Anlass dieses Fotobandes.

Zum Schluss dieses Skriptes ein Ereignis aus jüngster Zeit, bei dem ich schmunzeln musste: Bei einer Produktions- und Ausstellungsreise nach Moskau und Ulan-Ude nahe des Baikalsees traf ich einen befreundeten Fotokünstler aus Moskau und schlug ihm vor, mit sehr unterschiedlichen künstlerischen Positionen gemeinsam auszustellen. Er war anfänglich recht zurückhaltend, bis er mich vor einigen Monaten in meinem Kölner Atelier besuchte und einen Querschnitt meines fotografischen Werkes sah. Er war sichtlich überrascht und angetan, schüttelte aber immer wieder den Kopf. Es wäre schon sehr interessant, so meinte er, wie ich, ursprünglich aus der Malerei und Skulptur kommend, mit der Kamera und der Fotografie umginge. Kein Fotograf auf der Welt würde auf die Idee kommen, so zu arbeiten, wie ich es eben täte; und wünschte sich eine gemeinsame Ausstellung in Moskau ...

Reinhart Mundt

Köln, im Januar 2009